Zum Hauptinhalt springen

The Great Reset

Der konnte jetzt so richtig durchstarten. Leider hatte ich noch keinen Plan von irgendwas, geschweige denn eine Idee, wie es weitergehen sollte. Jetzt, wo ich wieder Verantwortung für zumindest den kleinen Tom-Sidney hatte, wollte ich auf keinen Fall die nächsten Jahre versagen. Aber erstmal war eine fette Silvester-Party bei Jochen im Haus angesagt. Unseren Umzug aus Berlin legten wir genau auf Silvester, sodass wir passend zu den Feierlichkeiten eintrafen und in das neue Jahr in Nordfriesland starten wollten.

Zum Neujahr am 01.01. hatten sich Jochen und Maike was ganz Besonderes einfallen lassen: sie veranstalteten im Klassenraum der alten Schule (früher gab es immer nur einen), ein Tischtennisturnier für alle an der Party beteiligten Gäste. Eine richtig coole „The day after“-Idee, mit Snacks, Kaffee und Törtchen, wo sich zusätzlich Bewohner aus dem Dorf und so einige Verwandte von den beiden zugestellten. Dieser Neujahrstag bekam so viel Zuspruch, dass alle Beteiligten beschlossen, dieses Turnier ab sofort jeden 1. Januar zu veranstalten. Später bekam es den Titel „Emmelsbüll-Open“, wo Musiker*innen aus dem ganzen nördlichen Raum und Hamburg teilnahmen. 


Im ersten halben Jahr beschränkten sich unsere Tätigkeiten auf den Ausbau und die Restaurierung der alten Schule und das Erkunden der Gegend. Wir kannten da oben zwischen den Meeren rein gar nichts, sodass wir uns teils bis rüber nach Dänemark jedes noch so kleine Dörfchen anschauten. Die nächstgelegenen größeren Käffer (um die 30.000 Einwohner) lagen jeweils gut 30–50 Kilometer weit weg. Wir wohnten jetzt also in der totalen Einöde, was für einen Stadtcowboy wie mich, mega gewöhnungsbedürftig war.

Bei einem unserer Ausflüge entdeckten wir das Grenzdörfchen Süderlügum, wo mitten in der Hauptstraße ein kleines schnuckeliges Reetdachhaus mit angrenzender großer Scheune stand. Süderlügum hatte mehrere riesige Einkaufszentren, wo sie die Kunden mit Reisebussen aus ganz Dänemark ankarrten. Da Dänemark mit seinen 25 % Mehrwertsteuern ein recht teures Pflaster war, rissen sich die Dänen, die extreme Feierschweine sind, um günstig Alkohol und Süßigkeiten. Es war schier unglaublich, wie viele Privatpersonen mit Anhängern auftauchten und die Spirituosen sowie süße Leckereien über die Grenze karrten. Der Stau an der 3 km entfernten Grenzstelle (damals gab es noch Kontrollen) reichte öfters bis fast ins Dorf hinein. Die Dänen selbst hatten auch eine Überraschung für uns deutsche Grenzbewohner parat: das Tanken war sau-preisgünstig. 1993 kostete der Liter Benzin sage und schreibe nur 95 Pfennig (ca.50 Eurocent). Tanken in Deutschland gehörte für uns vorerst zur Geschichte. Des Weiteren boten sie Silvester Feuerwerk zu Spottpreisen an und Raketen aus dänischer Produktion waren einfach ein Highlight. Insgesamt fand also ein reger Austausch statt.

Des Weiteren gab es den Nachbarort Tondern, wo jährlich eines der größten Folk- und Rootsmusik-Festivals stattfindet. Es ist bis heute das Wacken der Folkmusik, was Besucher aus aller Welt anzog. Ein unglaubliches Spektakel, wo jeder Pub und jede Straße sich im Ausnahmezustand befindet. Alle 25 Meter steht an drei Tagen ein*e andere*r Straßenmusiker*in.

Sowas kannte ich nur von der jährlichen Geburtstagsfeier der holländischen Königin her, wo ganz Amsterdam sich in einen riesigen Flohmarkt und Festivalgelände verwandelt.

Auf dem Tønder Festival wurde mir klar, welche Beziehung Dänen zum Feiern haben. Sie zelebrieren es, als wenn es kein Morgen mehr geben würde. Der besondere Gag: an jeder Ecke stehen grölende Dänen, die den alten Song von Wencke Myhre „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ auf Dänisch raushauen „Han har en knaldrød gummibåd“ - Lebensfreude pur.

Nach oben